Mai 2025: Salontisch aus der Braunschweiger Corallenfabrik
Dieser außergewöhnliche Salontisch wurde um 1756 von Johann Michael van Selow gefertigt, der seit 1755 in Braunschweig nachweisbar ist. Van Selow, vermutlich aus den Niederlanden stammend, erhielt von Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel ein Monopol zur Herstellung sogenannter „Corallenkunst“. Das ist eine Technik, bei der feinste Glasperlen von zwei bis drei Millimetern Durchmesser zu kunstvollen, farbenfrohen Mosaiken verarbeitet wurden. Dafür wurden die Perlen – damals auch „Corallen“ oder „Kralen“ genannt – auf Schnüre gezogen. Einem grafischen Entwurf folgend wurden verschiedenfarbige Stränge in eine weiche Kitt Masse gedrückt. War alles richtig platziert, wurden die Fäden möglichst rückstandslos entfernt, damit sie im Bild nicht sichtbar wurden. Für besonders feine Details wurden die Perlen einzeln eingesetzt. Bei aufwändigen Tischblättern konnten über 20.000 Glasperlen verarbeitet werden.
Der kleine Tisch gehört zu einer neuen Art von Salonmöbeln, die im 18. Jahrhundert den veränderten Anforderungen des gesellschaftlichen Lebens auch im Stiftsschloss entsprachen: Im späten 17. Jahrhundert entstand die Mode des Kaffee-, Tee- und Schokoladetrinkens. Um den Genuss der aus dem Orient und aus Fernost übernommenen Getränke in angemessener Weise zelebrieren zu können, wurde passendes Mobiliar und Porzellane angeschafft. Die exklusive Verkostung wurde zu einem regelrechten Statussymbol von Adeligen und wohlhabenden Bürgern, nicht zuletzt, da die Einfuhr von Bohnen und Blättern aus einer fernen, weitgehend fremden Welt aufwändig und teuer war. Die luxuriösen Tischchen wurden bevorzugt in Salons eingesetzt, um Gäste zu beeindrucken und Gesprächsanlässe zu schaffen. Daher nehmen die Motive häufig Bezug auf die Herkunft der neuartigen Getränke. So auch beim Quedlinburger Corallentisch: Die leuchtend bunte Darstellung auf dem Tischblatt zeigt einen bärtigen Asiaten, sitzend auf einem kelchartigen Liegemöbel, umgeben von Teepflanzen, die einem wasserartigen Muster in Blau und Gold entspringen.
Trotz seines künstlerischen Rangs blieb der kommerzielle Erfolg der Braunschweiger Corallentisch Manufaktur jedoch begrenzt. Van Selow versuchte den Absatz durch Lotterien zu steigern, deren Lose in zahlreichen Städten verkauft wurden – unter anderem auch in Quedlinburg. 1772 wurde die Firma geschlossen.
Heute gelten Perlmosaiktische wie dieser als seltene Zeugnisse deutscher Möbelkunst des Rokokos. Sie sind relativ selten in Museen zu sehen, da nur wenige Häuser entsprechende Stücke besitzen. Der Tisch wurde frisch restauriert, das Foto zeigt den Prozess der Reinigung: Zustand vor der Reinigung (links) und danach (rechts).